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Exorzismus als Ritual im katholischen Christentum

1. Einleitung

So gut wie jeder kann sich unter dem Begriff „Exorzismus“ etwas vorstellen. Nicht zuletzt die großen Kinofilme von „Der Exorzist“ über „Requiem“ bis hin zu „The exorcism of Emily Rose“ haben in unseren Köpfen Vorstellungen von augenrollenden, fratzenschneidenden und durch den Raum fliegenden Menschen genährt, manchmal sogar bis hin zu männermordenden, kleinen Mädchen, und das alles im Namen und unter Besessenheit des Teufels höchstpersönlich.
Doch was ist dran an den Geschichten über dämonenaustreibende, katholische Priester, die brutale Exorzismen bis zum Tod durchführen und sich keinen Deut um wissenschaftliche Meinungen scheren, welche deren „Besessene“ gar nicht als besessen, sondern lediglich als psychisch oder physisch krank ansehen?
Exorzismus ist kein ausschließlich christliches Phänomen. Er findet sich fast überall, wo Menschen an das Wirken von Dämonen oder bösen Mächten im Gegensatz zu den Guten glauben. Durch den Exorzismus versucht man, sich gegen den Einfluss solch schädigender Mächte zu wehren. In diesem Essay werde ich mich allerdings lediglich auf den Exorzismus im Christentum, vor allem auf katholischer Seite, konzentrieren.

2. Geschichte des Exorzismus

Bereits im Alten Testament wird Satan namentlich genannt, allerdings werden Herkunft und Ursprung von Dämonen erst im Neuen Testament beschrieben . Der „Teufel“ ist keine einzelne Persönlichkeit sondern wird durch unzählige dämonische Heerscharen verkörpert, sei es beispielsweise Luzifer, Beelzebub, Satan oder auch Herodes. Bei diesen Dämonen handelt es sich um Engel, die gesündigt haben und daraufhin von Gott verstoßen wurden – entweder in die Hölle oder aber auf die Erde. Im Gegensatz zu sündvollen Menschen können die gefallen Engel aber nicht mehr auf die Gnade Gottes hoffen.
Im Neuen Testament wird Satan „Fürst dieser Welt“ genannt und „Gott dieser Weltzeit“ , allerdings nicht als ein von Anfang an existierendes, böses Prinzip, sondern als von Gott als gut erschaffene, dann in Folge der Willensfreiheit zu Sündern gewordene Geschöpfe, die sich gegen Gott gewandt haben.
Gegen dieses Böse kämpfte bereits Jesus von Nazareth im Neuen Testament. Er heilte Besessene und gab seinen Jüngern selbst den Auftrag, böse Geister auszutreiben - Jesus kann somit als erster Exorzist des Christentums bezeichnet werden. Seinem gebotenen Auftrag fühlte sich auch die Kirche verpflichtet und erkennt ihn noch heute als ihre Aufgabe an. Dem Stand der Wissenschaft entsprechend wird allerdings nicht mehr so leichtfertig wie früher mit Besessenheit und teuflischen Kräften argumentiert und der Exorzismus offiziell erst nach ausreichenden medizinischen und psychiatrischen Gutachten ausgeführt.
Im Christentum lassen sich drei Arten des Exorzismus unterscheiden. Es gibt Exorzismen zur Eingliederung in die Kirche, etwa wenn der Bischof bei der Taufe seine Hand dem Täufling auflegt, um böse Geister zu vertreiben. Bei der Taufe findet sich auch die zweite Art, die so genannten Sachbeschwörungen, hier am Beispiel des Öls, mit dem der Täufling gesalbt wird. Das Öl wird beschworen, um Gottes Kräfte entgegen zu nehmen um dann selbst exorzistisch auf den Täufling zu wirken und Spuren der Sünde zu vertreiben. Als dritte Form des Exorzismus findet sich die bekannteste Art und gleichzeitig die offiziell am seltensten durchgeführte, der Exorzismus über Besessene (Tiere und Menschen). Hier handelt es sich wahrhaftig um Teufelsaustreibungen, die mithilfe von speziellen Gebeten, Handlungen und Befehlen ihr Ziel erreichen sollen. Auf die letztgenannte der drei Arten soll auf den folgenden Seiten der Schwerpunkt gesetzt sein.
Teufelsbesessenheit ist vielerorts Teil des christlich-katholischen Glaubens und orthodoxe Priester sind in den meisten Fällen auch gleichzeitig Teufelsaustreiber. Im dritten Jahrhundert hatte nahezu jeder Geistliche gelernt, irgendwie den Teufel auszutreiben, schließlich führte Papst Paul V. 1614 das Rituale Romanum (RR) ein, ein verbindliches, liturgisches Buch als Ritenverzeichnis der katholischen Kirche, das auch die Teufelsaustreibung strukturieren und einheitlich regeln sollte. Hauptsächlich wird hierbei der „Große Exorzismus“ behandelt, also die Befreiung eines Besessenen vom Bösen, aber es führt auch weitere „kleine“ Exorzismen auf, wie etwa den Taufexorzismus. Auch das Kirchenrecht besagt nun ausdrücklich, dass kein Bischof offizielle und rechtmäßige Exorzismen aussprechen darf, solange er nicht vom Ortsordinarius die ausdrückliche Erlaubnis dafür bekommen hat. Dies schiebt so einerseits Laien den Riegel vor, andererseits entzieht es Exorzismen, die als Folge im Heimlichen durchgeführt werden, dem Blick der Öffentlichkeit und so auch dem öffentlichen und kritischen Diskurs.
Die Praxis des Exorzismus sorgte im modernen Zeitalter mehrmals weltweit für Schlagzeilen. Ein jüngerer Fall aus dem Jahre 2007 ist der einer rumänischen Nonne, die an Schizophrenie litt und deshalb von ihrer Glaubensgemeinschaft als besessen angesehen wurde – in Folge der zahlreichen Exorzismen, die sie geknebelt und an ein Kreuz gefesselt erlebte, starb die Frau.
Der jedoch wahrscheinlich aufsehenerregendste und bekannteste Fall ist der von Anneliese Michel, einer Klingenberger Studentin aus katholischem Elternhaus, die 1976 nach einer Serie von 67 offiziellen Exorzismen auf knapp 30 Kilogramm abgemagert verstarb. Die deutsche Bischofskonferenz distanzierte sich nach der Verurteilung der Exorzisten von dem Fall, obwohl die Austreibung zuvor ausdrücklich offiziell genehmigt worden war.
Der Exorzismus der Anneliese Michel gilt als Vorlage für viele Bücher und Filme, wie etwa „The exorcism of Emily Rose“, der vor allem die Gerichtsverhandlung nach dem Tod der Studentin behandelt. Der Fall ist als die letzte offizielle Teufelsaustreibung in Deutschland bekannt, jedoch sind sich deutsche Kirchenvertreter einig, dass in Deutschland jeden Tag im Geheimen noch der Große Exorzismus durchgeführt wird.
Als Reaktion auf den Fall von Klingenberg erschien das RR 1999 schließlich als Neufassung des Vatikans. Die wenigen gravierenden Änderungen den Exorzismus betreffend beinhalten unter anderem, dass zwischen Besessenheit und psychischen Störungen ausdrücklich unterschieden werden soll, indem Experten aus Medizin und Psychiatrie herangezogen werden sollen, die einen Sinn für geistliche Dinge hätten, außerdem dürfe in keinem Fall öffentlich über Exorzismus informiert werden.
Auch im einundzwanzigsten Jahrhundert ist der Exorzismus also kein Thema von gestern, auch wenn es in Deutschland ein eher unbeachtetes ist – 2005 nahmen über 300 Priester an einer internationalen Exorzistenschulung in Italien teil.

3. Exorzismus als Ritual

Um den Großen Exorzismus einheitlich zu machen, ist er ritualisiert worden, insbesondere durch das RR. Bevor überhaupt exorziert werden darf, sollte im besten Fall eindeutig festgestellt werden, ob es sich wirklich um eine Besessenheit handelt und nicht etwa um eine psychische Erkrankung. Für teuflisches Wirken nennt das RR einige Erkennungszeichen, wie etwa hellseherische Fähigkeiten, übermenschliche Kräfte, Abscheu vor heiligen Namen, Reliquien und Weihwasser, starke Reaktion auf den Exorzismus oder die plötzliche Kenntnis fremder, nie erlernter Sprachen. Als eindeutiges Indiz für Besessenheit gilt es, wenn die betreffende Person selbst auf einen vom Priester nur gedanklich formulierten Exorzismus stark abwehrend reagiert. Zur Sicherheit sollten aber trotzdem medizinische und psychologische Fachkräfte um ein Gutachten gebeten werden.
Wenn der Teufelsbefund als positiv angesehen wird, beginnt das Ritual. Der Exorzist bereitet sich mit Gebeten und Fasten darauf vor, um nicht durch alleinige, sondern hauptsächlich durch göttliche Kraft gestärkt zu werden, und versucht, die Lebensgeschichte des Besessenen in Erfahrung zu bringen, um herauszufinden, wann und wie die Dämonen von der Person Besitz ergriffen haben könnten, was beispielsweise als Folge von inkorrekt ausgeführten Taufexorzismen, Verfluchungen oder Sünden der Fall sein kann.
In einer einundzwanzig Punkte beinhaltenden Liste wird im RR der Ablauf des Exorzismus ausführlich beschrieben. Der am besten geeignete Ort dafür sei eine Kirche oder ein ähnlich religiöser Ort, nur wenn triftige Gründe vorliegen, wie etwa Krankheit, dürfe im Haus der besessenen Person exorziert werden. Der Priester solle ein Auge darauf haben, ob während der Prozedur am Körper des Exorzierten Schwellungen oder Rötungen entstehen, die er dann sofort mit Weihwasser besprengen soll und außerdem darauf achten, auf welche Worte die Teufel die größten negativen Reaktionen, wie Zittern, Schreien, Schlagen, zeigen, diese solle er dann vermehrt wiederholen.
Das RR enthält den Exorzismus betreffend mehr als 60 Seiten voller Psalmen, Gebete, Beschwörungen und Ausschnitten aus Evangelien, die der Priester beim Exorzismus verlesen soll. Es wird angemerkt, dass er so viele Stunden ausharren und die Texte so oft wiederholen soll, wie seine Kräfte es zulassen oder bis ein Erfolg erzielt ist.
„Ich beschwöre dich also, jeden der unreinsten Geister, alle Gaukelwesen, jeden teuflischen Ansturm, im Namen Jesu Christi des Nazareners (…). Du, Gottloser, und deine Engel werden Würmer sein, die niemals sterben. Dir und deinen Engeln wird ein unauslöschliches Feuer bereitet, da du der Anstifter des schimpflichen Mordes bist, der Meister der schlimmsten Frevel, der Lehrmeister aller Gotteslästerung, der Lehrer der Irrlehrer, du Unzüchtiger! Weiche also, Gottloser! Weiche, Verruchter!“


4. Kritik

Exorzismus setzt den Glauben an Gott und Teufel voraus. Das ist als Bestandteil der religiösen Tradition zu sehen und hier soll nicht der Versuch unternommen werden, nach Wahrheiten zu suchen oder den Glauben in Frage zu stellen. Allerdings sollte in der aufgeklärten Welt von heute nicht allzu schnell mit dämonischen Mächten argumentiert werden.
Nach der verstärkten Bürokratisierung von offiziellen Exorzismen, die erst eine Antragstellung und dann nach einiger Wartezeit und langwieriger Untersuchung, medizinischen und psychologischen Gutachten etc., eine Genehmigung erfordern, gehen Teufelsaustreibungen in Deutschland mehr und mehr im Verborgenen von statten. Kirchenvertreter und Exorzisten sind sich einig, dass jeden Tag irgendwo in Deutschland der Große Exorzismus gesprochen wird, auch wenn der Klingenberger Fall angeblich der letzte offizielle Exorzismus in Deutschland gewesen sein soll.
Viele Exorzisten sind der Meinung, wenn eine Besessenheit vorliegt, müsse schnell gehandelt werden, man könne nicht noch Wochen, Monate oder Jahre auf Gutachten und Genehmigungen warten, daher wird oft im Verborgenen agiert. Dieser Tatendrang ist allerdings nicht unproblematisch – viele Anzeichen, die von der katholischen Kirche als Anzeichen für Besessenheit gewertet werden, sind „normale“ Symptome verschiedener psychischer oder physischer Erkrankungen. Für eine solche Beurteilung muss ein Fachmann herangezogen werden, was nur in den seltensten Fällen geschieht.
Bei Anneliese Michel beispielsweise wurde bereits Jahre vor ihrem Exorzismus eine Temporallappenepilepsie festgestellt, eine Erkrankung, die Symptome zeigt, die später von katholischen Vertretern als Besessenheit interpretiert wurden, wie etwa Wahrnehmungsstörungen, Körperstarre, Sprachstörungen, Amnesie, sonderbare Geschmacks- und Geruchsempfindungen. Außerdem weisen an Temporallappenepilepsie Erkrankte ein erhöhtes Risiko auf, noch andere Störungen wie Hysterie oder Depressionen zu entwickeln. All diese Anzeichen waren bei der jungen Studentin zu finden, die auch einige Jahre medikamentös behandelt wurde, dann aber die Behandlung aus eigenem Willen abbrach, woraufhin die anscheinende Besessenheit folgte. Sie starb schließlich nach 67 Exorzismen an drei Faktoren: Einer starken Abmagerung auf nur 31 Kilogramm bei 166cm Körpergröße, einer mittelgradigen Lungenentzündung, gegen die sich der geschwächte Körper nicht mehr zur Wehr setzen konnte, sowie der starken körperlichen Anstrengung in den Tagen vor ihrem Tod, sie musste beispielsweise täglich hunderte von Kniebeugen machen.
Das problematische am Fall Klingenberg ist, dass Anneliese Michel sich selbst für besessen hielt, wie sie in ihrem Tagebuch schrieb. Sie wuchs in einem streng katholischen Elternhaus auf, was Auswirkungen auf die durch ihre Krankheit hervorgerufenen Wahnvorstellungen hatte – sie sah teuflische Fratzen und hörte Stimmen, die sie verdammen, welche sie eindeutig als Stimmen aus der Hölle identifizierte.
Es gibt viele Fälle, in denen sich Menschen selbst als besessen ansehen. Manchmal ist es lediglich die Suche nach Aufmerksamkeit, die sie dazu verleitet, oft allerdings sind die Betroffenen wirklich davon überzeugt. Die Sekten-Information in Essen gibt an, dass sich bei ihr durchschnittlich alle zwei Wochen jemand meldet, der sich für verflucht oder besessen hält.
Wenn sich solche Personen nun stattdessen an den Pfarrer ihres Vertrauens wenden, ist es möglich, dass er wirklich Anzeichen für Besessenheit gegeben sieht und den Großen Exorzismus anwendet. Ohne glaubhafte, unabhängige Gutachten von medizinischen und psychologischen Fachkräften ist dies ein Schritt in die absolut falsche Richtung. Bei einigen Krankheiten, die oft als Besessenheit bewertet wurden, wie beispielsweise Epilepsie, Schizophrenie oder Hysterie, wird durch die gesprochenen Formeln durch den Exorzisten die Symptomatik nur verstärkt. Die Betroffenen werden in Panik versetzt, wenn man ihnen suggeriert, sie gehörten nicht mehr zu sich selbst und seien ganz und gar in den Händen des Teufels, der bösen Schlange, die beim Exorzismus ja immer und immer wieder mit Namen angesprochen und beschworen wird.
Der Glaube an die Existenz von Teufeln und Dämonen, die vom menschlichen Körper Besitz ergreifen, ist ernst zu nehmen. Unabhängig davon, ob die Realität des „Bösen“ auch wissenschaftlich gegeben ist – für die Betroffenen, die sich als besessen ansehen, und für die Exorzisten ist diese Vorstellung Realität. Und es mag in solchen Fällen hilfreich und befreiend sein, über Menschen, die davon überzeugt sind, sich in der Macht Satans zu befinden, ein religiöses Ritual zu sprechen. Bei kranken Personen, die sich nicht besessen fühlen und doch exorziert werden, kann es dafür zu Traumatisierungen kommen.
Gefährlich wird der Exorzismus auch dann, wenn er im Verborgenen abläuft, ohne offizielle bischöfliche Genehmigung, wie es angeblich täglich der Fall ist. Es ist als sehr problematisch einzuschätzen, wenn Exorzisten es nicht für nötig halten, sich an die vom Vatikan vorgegebenen Regeln zu halten und medizinische Berater herbeizuziehen und auf eigene Faust handeln.
Letztendlich lässt sich sagen, dass Exorzismus und Besessenheit tatsächlich alltägliche Phänomene sind. Dementsprechend sollte ihnen aber auch begegnet werden und auch in Deutschland sollte es endlich dazu kommen, wie der Vatikan schon seit Jahren mahnt, jedes Bistum mindestens einen offiziellen Exorzisten benennen zu lassen, um dem Missbrauch des ganzen Prozedere entgegenzuwirken, denn dann verringert sich hoffentlich auch die Zahl inoffiziell ausgeführter, gefährlicher Teufelsaustreibungen.

Autor: _http://www.contentworld.com/authors/profile/8149/